Philosophischer Gedanke von Emanuele Severino

Dieser kurze Überblick über das Werk Emanuele Severinos hat zum Ziel, die grundlegenden Elemente seines philosophischen Gedankenguts zu umreißen. Jenes ist gewissermaßen kompakt: Im Zentrum steht die Frage der Wahrheit des Seins und im Zentrum des Zentrums die These der Unendlichkeit des Seienden, als seine grundlegende Eigenschaft als Seiender. Diese sei daher in jedem Seienden präsent, impliziert in seiner ursprünglichen Struktur der Wahrheit.
Giulio Goggi

  1. Die Unendlichkeit des Seienden

Das Leitmotiv der Abhandlungen Severinos wurde erstmals 1956 in seinem Aufsatz La metafisica classica e Aristotele („Die klassische Metaphysik und Aristoteles“) formuliert:

Die Negation des Werdens entspringt direkt aus dem Authentischen Prinzip von Parmenide: Das Sein ist. Wenn das Sein jedoch wird – wenn das positive hinzukommt – bedeutet dies, dass das Sein vor dem Hinzukommen nicht war: Es ist gerade dies das Absurde, oder gerade die Definition des Absurden: Dass das Sein nicht ist. […]. Daher ist alles notwendig.

Severino, La metafisica classica e Aristotele, in Fondamento della contraddizione, Adelphi, Milano 2005, pp. 117-118

Die Aussage, dass alles Sein aus dem Nichts komme und darin zurückkehre impliziert, dass es eine Zeit gibt, in der das Sein Nichts ist (wenn das Sein noch nicht ist und wenn es nicht mehr ist), das heißt dass es eine Zeit gibt, in der das Sein eine Form annimmt, in der es das absolute Gegenteil seiner Natur ist. Das unausweichlich Absurde ist eben genau diese Identität des nicht identischen. Die daher notwendige These der Unendlichkeit von allem Sein wird in La struttura originaria (1958, 1981, 2004, 2012; „Die ursprüngliche Struktur“) aufgegriffen und entwickelt. Severino selbst beschreibt dieses Werk als die konkreteste Präsentation der Essenz des Fundaments. Der theoretische Kerngedanke wird folgendermaßen zusammengefasst:

Es liegt in der Bedeutung selbst des Seins, dass das Sein sein muss, ja dass der Satz des ausgeschlossenen Widerspruchs nicht bloß einfach die Identität der Essenz mit sich selbst ist (oder ihr Unterschied von anderen Essenzen), sondern die Identität der Essenz und des Seins (oder die Unterschiedlichkeit von Essenz und Nicht-Sein).

Severino, La struttura originaria, Adelphi, Milano 1981, p. 517

Die Untrennbarkeit von Essenz (unabhängig davon, welche Essenz in Betracht gezogen wird) und Sein (und daher vom nicht Nicht-Sein sein von jedweder Essenz), ist die gleiche Aussage wie die Unendlichkeit des Seins in seiner Eigenschaft als Sein.

  1. Die Entfremdung des Westens

a) In Ritornare a Parmenide (1964; „Rückkehr zu Parmenide“) wird das Bewusstsein entwickelt, dass das beispiellose Zeugnis über die Wahrheit des Seins den Untergang der Denk- und Handlungsweisen bedeuten, die der westlichen Kultur innewohnen, gemäß der Überzeugung, dass die Existenz der „Dinge“ nicht notwendig sei:

Die Geschichte der westlichen Philosophie ist geprägt von der Verzerrung und dem daraus resultierenden Vergessen des Sinns des Seins, welches ursprünglich im Gedankengut der antiken Griechen durchschien.

Severino, Ritornare a Parmenide, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, p. 19

In einem Abschnitt von De interpretatione von Aristoteles – dort, wo der Stagirit behauptet, dass es notwendig sei, dass das Sein ist, „wenn es ist“, und dass es nicht ist, „wenn es nicht ist“ – findet Severino die deutlichste Formulierung des Untergangs des Sinns des Seins. Sein Kommentar ist:

Der Gedanke Aristoteles […], der aussagt, dass wenn das Sein ist, ist es, und wenn es nicht ist, ist es nicht, sagt daher, dass wenn das Sein nichts ist, dann ist es nichts; und er bemerkt nicht, dass die wahre Gefahr vor der man sich schützen muss nicht die Aussage ist, dass wenn das Sein nichts ist, das es ist (und wenn es ist, dass es nicht ist), sondern die Erlaubnis, dass das Sein nichts sei, das heißt die Erlaubnis dass es eine Zeit gebe in der das Sein nicht nichts ist (wenn es ist) und eine Zeit geben, in der das Sein nichts ist (wenn es nicht ist), das heißt die Erlaubnis, dass das Sein an die Zeit gebunden ist. Auf diese Weise wird der Satz des ausgeschlossenen Widerspruchs die schlimmste Form des Widerspruchs: Eben, weil der Widerspruch in der Formel selbst versteckt wird, mit der versucht wird ihn zu vermeiden und vom Sein zu verbannen.

Severino, Ritornare a Parmenide, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, p. 22

b) Im Poscritto („Nachschrift“) von Ritornare a Parmenide (1965) erklärt Severino, dass das Aufeinanderfolgen von Ereignissen, aus denen das Erleben besteht, nicht als ein Sein werden und Sein erlöschen, sondern als ein auftauchen und verschwinden des Seins erscheint.

Dieser Körper brennt und dieser Körper wird durch seine Asche ersetzt: Die Erscheinung attestiert nichts anderes als eine Abfolge von Ereignissen: Das weiße Blatt Papier, die Annäherung an die Flamme, das Wachsen der Flamme, ein kleineres und anders geformtes Blatt Papier, eine zartere Flamme, ein noch kleineres und wieder anders geformtes Blatt, die Asche. Auf jedes Ereignis folgt ein anderes, in dem Sinne, dass ein zweites Ereignis zu erscheinen beginnt, wenn das vorherige nicht mehr in Erscheinung ist. Aber dass das, was nicht mehr in Erscheinung ist, auch nicht mehr ist, das enthüllt uns die Erscheinung nicht […]. Das Wahrheitsverständnis des Werdens, welches Inhalt des Erscheinens ist, enthüllt […] die Stille des Erscheinens bezüglich des Schicksals dessen, was nicht erscheint. Und wenn das Erscheinen als solches über dieses Schicksal schweigt, wird es enthüllt […] durch die Wahrheit des Seins, die […] sagt, dass das Sein ist und nicht Nichts sein kann und bleibt in sich unendlich.

E. Severino, Poscritto, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, pp. 86-87

In anderen Worten, das Erleben attestiert nicht die Zunahme oder die Abnahme des Seins, sondern nur dass etwas – dessen Logos das unendliche Sein ist – beginnt und endet zu erscheinen.

  1. Die Bedeutung von Ritornare a Parmenide

Parmenide hat die Unendlichkeit des Seins affirmiert, aber gleichzeitig ihren Sinn verändert, indem er annahm er müsse davon ausgehen, dass die multiplen Unterschiede des Seins (das heißt das Sein in seiner konkreten Entstehung) keine Wahrheit haben und daher nicht sind:

Die Rückkehr zu Parmenide bedeutet den „Vatermord“ zu wiederholen, ohne schuldig gegenüber der Wahrheit des Seins zu werden: Die Begründung des Multiplen zu wiederholen durch die Aussage, dass für alle Dinge, die konkrete Totalität der Dinge, jenes gilt, was Parmenide über das Sein sagte: „Es ist unmöglich, dass es nicht ist“.

Severino, Risposte ai critici, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano, 1982, p. 315

Der Versuch Platons über Parmenide hinauszugehen, hat das Ziel verfehlt: Nachdem er die Unterschiede rettete, das heißt die multiplen Festlegungen die wir erleben, indem er erklärte, dass diese nicht „nichts“ bedeuten (jede von ihnen ist tatsächlich etwas das ist), hat er sie weiterhin als zwischen Sein und Nicht-Sein oszillierend konzeptualisiert. Die Geste Platons – der verfehlte Vatermord – hat die Perspektive eröffnet, innerhalb derer die gesamte Geschichte des westlichen Gedankenguts angesiedelt ist, die Geschichte der Entfremdung vom Sinn des Seins. Nun wird verständlich, weshalb eine Rückkehr zu Parmenide, von der Severino spricht, nicht als Imperativ zu verstehen ist, sondern vielmehr als Einladung, die Grundlagen des Multiplen neu zu denken, um es nicht abermals der tödlichen Umarmung des Nicht-Seins auszuliefern.

  1. Die Struktur der Erscheinung und der ontologische Unterschied

a) Muss man nicht eingestehen, dass zumindest die Zusammenfassung vom dem, was erscheint und verschwindet noch Nichts ist und zum Nichts wird, wenn es noch nicht in Erscheinung getreten ist? Severino hat auf diese Aporie die folgende Antwort:

Das Erscheinen ist ein Prädikat, das notwendigerweise den erscheinenden Dingen innewohnt: Nicht im Sinne, dass jedes erscheinende Ding nicht auch nicht erscheinen kann, aber im Sinne dass, erscheinend, die Erscheinung notwendigerweise eintritt […]. Wenn, wann immer diese Lampe erscheint, auch notwendigerweise ihre Erscheinung erscheint (das heißt ihre Inklusion in den Erscheinungshorizont), dann, wenn diese Lampe erscheint, erscheint auch ihr Erscheinen; Und wenn diese Lampe nicht mehr erscheint, erscheint auch nicht mehr ihr Erscheinen.

Severino, Poscritto, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, pp. 95-96

Die Erscheinung des Seins ist daher in einer autoreflexiven Weise strukturiert (es erscheint die Erscheinung des Erscheinens des Seins) da der Beginn und das Ende der Erscheinung nicht nur das unendliche Etwas betrifft, sondern es ist auch das Unendliche, welches in Erscheinung tritt. Severino unterscheidet daraufhin zwischen dem „empirischen Erscheinen“, das heißt dem Erscheinen von diesem oder jedem spezifischen Sein, dass in Erscheinung tritt und daraus verschwindet, und dem „transzendentalen Erscheinen“ welches die Erscheinung der Totalität des Erscheinenden ist: Der Horizont, das jedes „vorher“ und „nachher“ umfasst, aus dem alles was beginnt und endet zu erscheinen stammt.

b) In Anbetracht der Unmöglichkeit, dass das Sein nicht ist, und in Überprüfung, dass das Erleben nicht die Annullierung attestiert, versteht Severino den ontologischen Unterscheid und dementsprechend die Beziehung zwischen der Integrität des unveränderlichen Seins und des Seins, das als Prozess dem Erleben erscheint folgendermaßen:

Im ontologischen Unterschied fehlt einem der zwei Teile [der Ganzheit des Seins] keine Positivität […] während der andere Teil [das Sein welches dem Prozess des Erscheinens und des Verschwindens unterliegt] dem ersten keine Positivität hinzufügt – und dies ist möglich, weil es der erste ist, der derselbe ist, der sich auf abstrakter Weise manifestiert und daher anders, wie ein Fehlen des Seins, ist.

Severino, Poscritto, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, pp. 95-96

Die Beziehung zwischen dem Sein, das in der Abfolge von Ereignissen erscheint und dem Sein, welches nichts außer sich selbst hinterlässt, ist daher im Sinne des Unterschieds zwischen Abstrakt und Konkret zu verstehen, während jede Form der ontologischen Abhängigkeit (in kreationistischem Sinne) der Geschichte des Vergessens des Sinn des Seins angehört.

  1. Die Grundlage und der Èlenchos

Die Identität des nicht identischen ist unmöglich: das Sein und das Nichts. Aber was ist es, dass sie behindert?

Warum kann diese Identität des Seins und des Nichts nicht stimmen? Diese Frage zu beantworten bedeutet, die Wahrheit des Seins zu enthüllen, was nicht bloß einfaches sagen ist, sondern ein sagen, dass einen Wert hat, welches im Stande ist die eigene Negation zu entfernen […]. Die Aussage, dass das Sein nicht Nicht-Sein ist, muss sicherlich negiert werden, da sie keinen sichtbaren Wert hat. Sie ist dagegen wie ein unbesiegbares Schwert in der Hand von jemandem, der nicht weiß, dass er in der Hand ein unbesiegbares Schwert hat: Derjenige lässt sich vom Erstbesten unterdrücken. Und es ist richtig, dass der Erstbeste ihn unterdrückt, die „Wahrheit“, die nicht standhaft ist, ist keine Wahrheit.

Severino, Ritornare a Parmenide, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, pp. 40-41

Die ursprüngliche Struktur ist die Erscheinung des sich-selbst-Seins, das heißt des nichts anderes als sich selbst sein von jedem Sein und die Negation des sich-selbst-Seins ist die Selbst-Negation. Das zeigt sich auf durchdringende Weise – und dies ist der Sinn des Èlenchos – im Paragrafen 6 von Ritornare a Parmenide. An dieser Stelle soll daran erinnert werden, dass die Negation der Gegensätzlichkeit von Positiv und Negativ erfordert, dass das Positive und das Negative (wie auch immer sie in der Negation der Gegensätzlichkeit kommen) in ihrer Gegensätzlichkeit erscheinen und sich daher der Unterscheid zwischen Positiv und Negativ manifestiert:

Bis [positiv und negativ] nicht als unterschiedlich gesehen werden, muss man sicherlich sagen, dass sie identisch sind; Aber wenn sie als unterschiedlich gesehen werden, und als solche festgelegt werden, um die Aussage bezüglich ihrer Identität die Negation der Gegensätzlichkeit von Positiv und Negativ zu tätigen, dann muss diese Negation sich auf der Aussage basieren, die diese negiert […]. Deswegen ist die Negation eine Negation von jenem, welches sich ohne sie nicht als Negation konstituiert und daher ihre eigene Negation ist, und daher ist sie ein Verschwinden von der Bühne der Worte und der Gedanken und eine Deklaration der eigenen Inexistenz und Unwichtigkeit.

Severino, Ritornare a Parmenide, in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, p. 49

Die Erscheinung der Gegensätzlichkeit von Positiv und Negativ – dort, wo wir als „positiv“ das Sein, das heißt alles das was ist, verstehen und dagegen als „negativ“ all das verstehen, was in unterschiedlichen Formen, nicht als positiv behandelt wird, und daher auch das Nichts – ist die Grundlage: Sie ist die Erscheinung des Unterschieds der Unterschiedlichen ohne die sich kein Gedanke begründen könnte. Sie begründet auch die eigene Negation, nicht in dem Sinne, dass sie ihren Wert begründet, aber im Sinne, dass, wenn sie nicht ihre eigene Positivität dem anderen gegenüberstellte, jener nicht existieren würde. Basierend auf dem, was es negiert, ist es die Negation des sich-selbst-Sein des Seins, welche sich selbst negiert.

  1. Die Aporie des Nichts

Das Thema der Semantisierung des Seins als Gegensatz zum Nichts impliziert die Denkbarkeit desselben, die Möglichkeit es in Worten auszudrücken, was wiederum eine Widersprüchlichkeit zu enthalten scheint – die Aussage des Seins und des Nicht-Seins – direkt im Herzen der ursprüngliche Struktur. Aber so ist es nicht:

Der Widerspruch des Nicht-seins-das-ist, ist nicht […]in die Bedeutung „Nichts“ (oder in die Bedeutung „Sein“ welches das Sein des Nichts ist) enthalten; sondern liegt zwischen der Bedeutung des „Nichts“ und des Seins und der Positivität dieser Bedeutung. Die Positivität der Bedeutung ist daher im Widerspruch mit demselben Inhalt der Bedeutung, welcher eben Bedeutung der absoluten Negativität ist.

Severino, La struttura originaria, Adelphi, Milano 1981, p. 213

Das Nichts als widersprüchliche Bedeutung beinhaltet daher, als semantisches Moment, das Nichts dessen Bedeutung Severino gleich null setzt. Und der Widerspruch zwischen Nichts – welches Nichts und nicht Sein bedeutet – und seiner positiven Bedeutung ist der Widerspruch, ohne den dieselbe Gegensätzlichkeit zwischen Positiv und Negativ unmöglich wäre:

Die Aporie des Nichts-seins wird dadurch gelöst, dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch nicht sagt, dass die selbst-widersprechenden Bedeutung nicht existiert [das heißt der Widerspruch, aus dem die Bedeutung Nichts besteht], sondern dass das „Nichts“ nicht „Sein“ bedeutet […]. Das Nicht-Sein, welches in der Formulierung des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch als Negation des Seins erscheint, ist tatsächlich das Nicht-Sein welches als Moment des Nicht-Seins verstanden wird, im Sinne der Selbst-Widersprechenden Bedeutung. Daher ist das Nichts sicherlich; aber nicht in dem Sinne, dass das „Nichts“ „Sein“ bedeutet: In diesem Sinne, ist das Nichts nicht und das Sein ist – und es ist dieses Nicht-Sein des Nichts und Sein des Seins, welches vom Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch begründet wird.

Severino, La struttura originaria, Adelphi, Milano 1981, p. 215

Das Nichts, dessen Identität von welchem der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch negiert wird, ist also das Nicht als solches anderes als seine eigene positive Bedeutung; Während alles, was über das Nichts ausgesagt wird der positiven Bedeutung des Nichts zugehört. Daraus ergibt sich, dass die ursprüngliche Struktur das Erscheinen der positiven Bedeutung dessen ist, was sie selbst negiert, nicht dem woraus sie besteht: Sie basiert nicht auf dem, was sie negiert, sondern impliziert die positive Bedeutung des negierten.

  1. Die ursprüngliche Struktur als „Widerspruch C“

a) Severino nennt den Widerspruch, dass ein Teil des Ganzen erscheint, ohne dass das Ganze konkret erscheint „Widerspruch C“:

Der Widerspruch C besteht darin, […] S [das heißt, die ursprüngliche Bedeutung] formal und nicht konkret zu setzen; oder S auf jene Art zu setzen, dass seine konkrete semantische Valenz oder seine konkrete Bedeutung nicht gesetzt ist. Bezüglich der Position dieser semantischen Konkretheit von S, die Position von S, die sich tatsächlich realisiert wenn, gesetzt S, nicht alle Konstanten von S gesetzt sind, ist daher nur die Intention der Position von S: Diese Position ist nur erfordert […]. Der Widerspruch C ist daher die Auffassung, dass S, eben da es nur die formale Valenz von S ist, nicht S ist.

Severino, La struttura originaria, Adelphi, Milano 1981, pp. 348-349

Der “Widerspruch C” ist der Widerspruch, der der Endlichkeit innewohnt. Dieser Widerspruch – den Severino von jenem unterscheidet, den er den „normalen Widerspruch“ nennt, das heißt den Widerspruch dessen Inhalt ein Nichts ist – ist einerseits durch das Erscheinen von jenem, was erscheint konstituiert und andererseits durch das nicht-erscheinen von all jenem, was notwendigerweise vom Erscheinenden impliziert ist, also das was erscheint, erscheint nicht so, wie es in Wahrheit ist.

b) Die ursprüngliche Struktur impliziert die eigene Endlichkeit: Derselbe aktuelle Kontrast zwischen der ursprünglichen Struktur der Wahrheit und der Entfremdung von der Wahrheit verhindert nämlich dem ursprünglichen, sich zu setzen wie die Ganzheit der Seienden. Wenn er das täte, wäre der Widerspruch des Seins und sub eodem nicht die definitive Wahrheit: Er wäre es, weil es die Ganzheit der Seienden wäre, das heißt jenes, welches unmöglich zu überwinden ist; er wäre es nicht, weil das Sein das Nicht-Widersprüchliche und der Widerspruch Nicht-Wahrheit ist. (Und das Theorem von Gloria – cfr. Par. 12 – schließt aus, dass das Spektakel der Erscheinung der Ewigen in einem bestimmten Moment endet, was wiederum impliziert, dass die Ewigen unendlich dazu bestimmt sind, nicht zu erscheinen, aber seit immer in der unendlichen Ganzheit der Seienden inbegriffen sind). Nun, gesetzt, dass die ursprüngliche Struktur endlich ist – und daher ein „Widerspruch C“ besteht -, wird dieser Widerspruch durch die Negation seines Inhalts nicht aufgehoben (wie im Falle des „normalen Widerspruchs“), sondern durch seine konkrete Position und daher, zuletzt, durch sein Erscheinen in der unendlichen Ganzheit der Seienden – die Severino auch „unendliches Erscheinen“ nennt – die schon immer die Totalität der Widersprüche des Endlichen überwindet.

  1. Die konkrete Bedeutung der Identität

Severino verfechtet, im Dialog mit Aristoteles, Thomas von Aquin und Hegel – aber auch unter Berücksichtigung der Entwicklung der modernen symbolischen Logik von Frege und Russell –, dass der Westen die Identität des Seins nicht bloß als Inhalt des Denkens, sondern, durch die Annahme negiert, dass das Sein zwischen Sein und Nicht-Sein oszilliert, und daher auf implizite Weise annimmt, dass das Sein Nichts sei, auch als Form des Denkens und Sprechens, da es die Elemente der Aussage als ursprünglich getrennt ansieht, also wird bei Zusammenführung von Subjekt und Prädikat der Widerspruch der Unterschiedlichkeit evident. Es handelt sich dagegen darum zu verstehen, dass das Subjekt, für das das Prädikat notwendig ist, nicht das bloße, vom Prädikat isolierte Subjekt ist, sondern das Subjekt-des-Prädikats ist; und das wiederum das Prädikat das Prädikat-des-Subjekts ist:

Sowohl das Subjekt als auch das Prädikat der Aussage „Das Sein ist das Sein“ sind nicht einfach nur noetische Momente [es sind also nicht „Noeme“ oder noch unzusammenhängende Bedeutungen], von denen das Urteil, ausgedrückt durch die Aussage, eine Synthese ist; sie sind dagegen, durch ihr gesetzt sein, Urteil, Identität selbst. […] Die konkrete Identität ist daher Identität der Identität mit sich selbst. Dies zu negieren führt dazu […], dass das Prinzip der Identität eine selbstwidersprüchliche Aussage ist. Das „Sein“ (E‘), dessen Prädikat das „Sein“ (E‘‘) ist, ist eben das „Sein-das-Sein-ist“: E‘ = E‘‘ und das Prädikat „Sein“ (E‘‘), ist eben das „Sein-des-Seins“: E‘‘ = E‘. Die Formel der konkreten Identität ist daher: (E‘ = E‘‘) = (E‘‘ = E‘).

Severino, La struttura originaria, Adelphi, Milano 1981, pp. 181-183

Das heißt: die Teile der Synthese sind bereits die Synthese und der Gedanke vereint nicht getrennte Begriffe, sondern ist das Erscheinen der Identität des Identischen: A sei eine jedwede Art des Seins, die Aussage der Identität von A mit sich selbst ist daher nicht als einfaches A = A zu verstehen, sondern als (A = A) = (A = A). Analog dazu ist die Aussage, dass ein gewisses A, B sei, zu verstehen als die Identität der Beziehung zwischen A und B mit sich selbst. Als Formel: (A = B) = (A = B). In Tautótēs (1995) präzisiert Severino, dass in diesem Falle das „Sein“ von „A ist B“ zu verstehen ist als die Identität mit sich selbst zwischen A und seinem identisch sein zu dem eigenem „zusammen sein“ mit B:

Die Sprache sagt weiterhin, dass A B sei, aber damit sagt sie das Unmögliche aus. Sie sagt das Unmögliche aus, auch wenn A = B als (A = B) = (A = B) konzipiert ist. Nur wenn unter der linguistischen Form „A ist B“ das zusammen sein von B zu A  verstanden wird, kann man weiterhin sagen, dass (A = B) = (A = B). Die angemessene Formel ist dann: [A = (Zusammengehörigkeit mit B)] = [A = (Zusammengehörigkeit mit B) = A].

Severino, Tautótēs, Adelphi, Milano 1995, p. 152

Das unwidersprüchliche Sprechen ist daher das Sprechen, dass die absolute Identität des „Subjekts“ und des „Prädikats“ aussagt: Es ist die ursprüngliche Tautologie, welche das sich-selbst sein des Seins, das anders-sein des Anderen, sein anders-sein als Nichts, sein ewig sein besagt.

  1. Nihilismus und das Schicksal der Technik

a) Die Geschichte des Westens ist die Geschichte des progressiven Besitzergreifen über die „Dinge“ durch die Konzeptualisierung ihrer Verfügbarkeit für das Sein und das Nichts:

Der Westen ist jener Kulturraum, der sich innerhalb des Horizonts entwickelt, der sich aus dem griechischen Gedankengut zugeordneten Sinn bezüglich des Ding-seins der Dinge eröffnet wird. Dieser Sinn vereint auf progressive und längst komplette Weise die ausgelöschte Vielfalt der Ereignisse, die wir die „Geschichte des Westens“ nennen, und dominiert längst auf der ganzen Welt: die gesamte Geschichte des Westens ist somit auch Prähistorie des Westens geworden. Seit einiger Zeit zeigen meine Veröffentlichungen den westlichen – und längst weltweiten – Sinn der Dinge auf: Das Ding (ein Ding, jedes Ding) ist, und als solches, nichts; Das nicht-Nichts (ein nicht-Nichts, jedes nicht-Nichts) ist, als nicht-Nichts, nichts. Die Überzeugung, dass ein Objekt Nichts sei, ist Nihilismus. In diesem Sinne steht er im abyssalen Unterschied zu dem von Nietzsche und Heidegger, der Nihilismus ist die Essenz des Westens.

Severino, ἀλήθεια in Essenza del nichilismo, Adelphi, Milano 1982, p. 415

Das Werden der Dinge ist, auch in einer prä-ontologischen Dimension – immer verstanden worden als ein etwas anderes werden – und ist daher, gemäß Severino, wie ein Prozess in etwas, welches als Ergebnis (widersprüchlicherweise) zu etwas anderem als sich selbst wird. Die griechische Metaphysik hat im Sprachgebrauch den Sinn des unendlichen Gegensatzes zwischen Sein und dem Nichts gebracht und angenommen, dass dieses etwas anderes werden absolut evident sei, wobei es sich im Gegenteil um den Inhalt eines Glaubens handelt. Der Nihilismus ist tatsächlich der Glaube an die sogenannte Evidenz des Werdens als Übergang vom Nicht-Sein zum Sein und vom Sein zum Nicht-Sein aller Seienden, welches den Glauben beinhaltet, dass das Sein nichts sei. Und die These Severinos ist, dass der Kontrast zwischen dem griechischen Glauben an das Werden der Dinge und den Ewigen, die von Mal zu Mal vom Westen als Kondition des Werdens heraufbeschworen werden – heraufbeschworen durch die epistéme, das heißt die „stabile“ Form des Wissens der westlichen metaphysischen Tradition – dazu bestimmt ist, sich im Untergang der Philosophie und der traditionellen Kulturen aufzulösen: das, was aus dem Nichts kommt kann eben nicht an Regeln, Gesetze, unveränderliche Prinzipien gebunden sein, die seinen Inhalt antizipieren würden sondern beginnt auf absolute Weise und kann nichts hinter oder über sich haben, was seine Entwicklung orientiert:

Wenn alles im Gott prä-existiert (und konserviert wird), ist das losbinden des Wesens aus dem Nichts und dem Sein [gemäß der ursprünglichen Verfügbarkeit zum Sein und zum Nicht-Sein] unmöglich; aber dieses Auflösen ist die „Evidenz“; demnach fordert die „Evidenz“ der Freiheit die Inexistenz des Gottes und von jeglichem Unveränderlichen, der das konkrete historische Werden der Dinge prädeterminiert und antizipiert. […] Insofern als dass das, was noch ein Nichts ist […] prädestiniert ist für die Wahrheit des Wesens, jenes daher ist nicht ein Nichts, oder ist es schon und kann nicht aus dem Nichts entstammen und ist noch nicht eingefangen in der Wahrheit des Wesens. Wenn es daher ein unanfechtbares Wissen über dieses Wesens als solches gibt – und dementsprechend über die Gesamtheit des Dinges –  kann das Wesen nicht aus dem Nichts kommen; wenn das Wesen aus dem Nichts kommen kann es kein unanfechtbares Wissen über die Gesamtheit des Wesens geben.

Severino, Destino della necessità, Adelphi, Milano 1980, pp. 35-47

Zu diesem kohärenten Ergebnis – auch wenn es sich dabei um die Kohärenz des Wahnsinns handelt und daher um die Kohärenz eines Gedanken, der auf der Überzeugung fußt, dass das Seiende Nichts sei – kommt die Philosophie unserer Zeit, wenn sie sich nicht damit begnügt und die Inexistenz jeglicher absoluten Wahrheit der metaphysischen Tradition annimmt, während sie die Aussage ohne Fundament lässt. Zwischen denjenigen, die einen klaren Ausdruck dieses Bewusstseins gegeben haben, das sich im Untergrund der zeitgenössischen Philosophie bewegt, benennt Severino vor Allem Nietzsche, Gentile, und vor Allem Leopardi, Autoren, über die er wichtige Arbeiten geschrieben hat. Besonders bezüglich Leopardi, der den ersten und entscheidenden Schritt der zeitgenössischen Philosophie tat indem er die Unmöglichkeit der Unveränderlichkeit der Tradition zeigte, zieht Severino eine wichtige Parallele zu Aischylos, der wiederum den ersten und bedeutenden Schritt in der philosophischen Tradition unternahm indem er als erstes die Wahrheit – verstanden im beispiellosen Sinne, den der griechische Gedanke ans Licht gebracht hat: die Wahrheit als unbestreitbares Wissen – als überlegendes Mittel gegen den Tod verstand.

b) Die Ewigen machen es unmöglich, den Glauben an die Existenz des Werdens aufrechtzuerhalten, dieser Glaube zerstört die Ewigen. In diesem Kontext, erklärt Severino, präsentiert sich das technologisch-wissenschaftliche Projekt der unbegrenzten Produktion-Destruktion der Dinge, und seine unendliche Potenzierung, als Umfeld, in dem der Triumph der Metaphysik gefeiert wird, der auf dem Glauben an die Existenz des Werdens fußt. Es ist in diesem Umfeld, in dem sich die Technik (in radikal anderem Sinn als Heidegger sie versteht, da beide Philosophen den Sinn des Nihilismus radikal anders verstehen) als Schicksal unserer Zeit durchsetzt:

Zu vermeiden, dass das Ziel die Mittel verhindert und schmälert bedeutet, die Mittel als primäres Ziel anzunehmen, das heißt, ihnen jenes unterzuordnen, was sich anfänglich als Ziel gestaltete. Die großen Mächte der westlichen Tradition täuschen sich daher damit, vermeintlich eine Technik zur Erfüllung ihrer Ziele zu verwenden: Die Kraft der Technik ist tatsächlich das fundamentale und primäre Ziel geworden, oder hat es begonnen zu sein. Und diese Kraft – welche das Ziel ist, das die Technik als solche besitzt, unabhängig von derjenigen, der sie von außen bestimmt ist, anzunehmen – ist nicht etwas statisches, sondern undefinierte Potenzierung, undefinierte Steigerung der Fähigkeit, Ziele zu erreichen. Diese unendliche Steigerung ist bereits, oder hat begonnen das übergeordnete, planetare Ziel zu sein.

Severino, Il destino della tecnica, BUR, Milano 2009, pp. 8-9

Die Technik-Wissenschaft, die sich aus der Synthese mit der tiefliegenden Essenz des zeitgenössischen Gedankenguts konstituiert, die Existenz von unüberschreitbare Grenzen ausschließend, ist dazu bestimmt vom Mittel zum Ziel der verschiedenen Mächte (Kapitalismus, Demokratie, Kirche,…), die sich ihrer für die Herrschaft der Welt bedienen, zu werden.

  1. Das Schicksal der Notwendigkeit

In Essenza del nichilismo lässt Severino die Möglichkeit offen, dass das was geschieht, auch wenn es ewig ist, möglicherweise nicht erscheint und andere Seiende an seiner Statt erscheinen. In Destino della necessità (1980; „Schicksal der Notwendigkeit“) wird zum ersten Mal die Sprache gebraucht, die die Notwendigkeit aussagt, dass der Seiende auf die Weise erscheint, in der er erscheint:

Jedes Wesen ist ewig. Deswegen ist auch das Wesen ewig, was das gleiche ist wie das Erscheinen des Wesens […]. Das Wesen, das erscheint […] und sein Erscheinen ist ewig; daher ist es notwendig, dass das Wesen erscheint. Nicht einmal der Verbund zwischen dem Wesen, das erscheint und sein Erscheinen kann nicht sein (das heißt nichts sein).

Severino, Destino della necessità, Adelphi, Milano 1980, p. 97

Das Schicksal – jenes Wort, welches das authentische „bleiben“ benennt, jenes „bleiben“, das die epistéme nicht geschafft hat zu sein – ist aktuell im Kontrast mit dem Glauben, der die Seienden vom eigenen Sein isoliert, und daher von seiner ewigen Natur. Der Wahnsinn der Überzeugung des Werdens, zu verstehen als Vernichtung, kann nur erscheinen oder negiert werden vor dem transzendentalen Horizont der Wahrheit des Seins, welche derselbe Blick des Schicksals ist, in dem die Notwendigkeit, diesen Kontrast zu überwinden, erscheint (cfr. Par. 12).

  1. Schicksal und Sprache

Wie der Willen, dass bestimmte Ereignisse etwas bestimmtes anderes, nämlich Zeichen und Zeugnis des Schicksals seien, sowie das Schicksal der Wahrheit ein bestimmtes anderes, nämlich Bedeutung jener Zeichen sei, ist auch die Sprache, die das Schicksal bezeugt, Irrglaube. Das bedeutet jedoch nicht, dass die gezeigte Wahrheit ein Irrglaube sei. In Oltre il linguaggio (1992; „Jenseits der Sprache“) erklärt Severino – im Dialog mit der Philosophie der „linguistischen Wende“ -, dass das Schicksal unbestreitbar ist, aber nicht als sprachlicher Ausdruck, sondern insofern, als dass seine Negation Selbst-Negation ist:

Auch das Schicksal der Wahrheit und des Seins zeigt sich in der Sprache und in der Geschichtlichkeit [Prozesshaftigkeit] der Sprache; aber das Schicksal bleibt und lässt sich nicht vom Werden des Wortes fortreißen, da sich die Identität, die sich in dem Unterschied der Sprache manifestiert, nicht bestreitbar ist.

Severino, Oltre il linguaggio, Adelphi, Milano 1992, p. 160

Die Sprache ist Widerspruch, auch da sie in Entwicklung ist, ein progressives Entfalten, weshalb ihr strukturell die Möglichkeit vorenthalten ist, als ganze, die grundlegende Struktur und ihre notwendigenden Implikationen zu benennen: Im Versuch sie benennen zu wollen trennt die Sprache die Eigenschaften des Schicksals indem sie sie in die Form der Worte einschließt. Dadurch wird das Schicksal selbst – welches das Nicht-Eintretende ist – zum Eintretenden. Das Eintreten von jenen Merkmalen durch die Sprache ist daher zu unterscheiden von der Notwendigkeit, dass sie gemeinsam präsent sind im Erscheinungshorizont. Man muss daher sagen, dass wenn das, was die Sprache im Schicksal bezeugt Widerspruch ist, da er in der trennenden Form des Wortes eingeschlossen ist, ist es dagegen unbestreitbar, wenn es im „nicht gesagten“ vereint ist, woraus das ewige Erscheinen der grundlegenden Struktur und ihrer Implikationen besteht:

Die linguistische Essenz der grundlegenden Struktur widerspricht sich – und ist dennoch unbestreitbar. Jene ist unbestreitbar nicht wegen ihrer expliziten, sondern wegen ihrer impliziten Bedeutung, das heißt nicht für die Gesamtheit der Determinierungen der grundlegenden Struktur, die grundsätzlich und notwendigerweise in ihrer expliziten Bedeutung impliziert sind, sondern die grundsätzlich erscheinen, bereits bevor sie sich in der Entwicklung der Sprache zeigen (das heißt in der Entwicklung des Expliziten) – bereits vor ihrem Hin und Her in der Sprache.

Severino, Oltre il linguaggio, Adelphi, Milano 1992, p. 189

Die Merkmale der ursprünglichen Struktur sind insofern unbestreitbar, als dass sie ursprünglich mit jenem impliziten verbunden sind, also die Sprache, die ihrer Zeugnis ablegt ist Widerspruch nicht wegen dem, was sie aussagt, sondern weil sie nicht die Gesamtheit der Syntax und der Implikationen zeigt, and die ihre Aussage notwendigerweise gebunden ist.

  1. Der Zyklus der Gloria

Die Schriften des Zyklus der Gloria – insbesondere La Gloria (2001; „Die Herrlichkeit“), Oltrepassare (2007; „Übertreten“), La morte e la terra (2011; „Der Tod und die Erde“) und die Vertiefungen aus Intorno al senso del nulla (2013; „Über den Sinn des Nichts“), Dike (2015), Storia, gioia (2016; „Geschichte, Freude“) und Testimoniando il destino (2019; „Das Schicksal bezeugen“)zeigen, dass die schrittweise Enthüllung des Seins zur „Rettung“ der Wahrheit bestimmt ist, das heißt zur Befreiung der Wahrheit des Seins vom Kontrast seiner Isolierung von der Erde – wobei die „Erde“ jene ist, die zu erscheinen beginnt -, sowie die spezifische Weise auf der die „Erde, die errettet“ dazu bestimmt ist, zu erscheinen. Auf einige Züge dieser Notwendigkeit wird im Folgenden grob hingewiesen.

Die Gloria der Erde

Die ursprüngliche Struktur – das bleiben des Schicksals der Wahrheit – ist das essenzielle Prädikat jedes Seienden, das was nicht erscheinen kann: Es handelt sich um jene Gesamtheit der Bedeutungen (sein, nichts, sich selbst sein, anderes sein, ewig sein…), die das „persyntaktische Feld“, das heißt die Syntax jedes Seienden, konstituiert. Severino nennt die Gesamtheit der persyntaktischen Determinierungen „Hintergrund“ des Erscheinens und stellt fest, dass wenn ein Erscheinender unüberschreitbar wäre (wenn mit seinem Widerfahren das Spektakel des Eintretens der Erde einstellt würde), würde er beginnen, notwendigerweise mit dem Hintergrund verbunden zu sein. Dies ist jedoch unmöglich, weil es unmöglich ist, dass ein notwendiger Zusammenhang zu sein beginnt:

Es ist widersprüchlich, dass die notwendige Einheit zu sein beginnt, das heißt, dass ihr eine Zeit vorausgeht, in der sie nicht existierte. Die Einheit ist notwendig, eben weil eine jedwede Situation, in der diese Einheit nicht existierte, widersprüchlich ist. Und es ist vor Allem widersprüchlich, dass jener Seiende, der die notwendige Einheit ist, ebenso inexistent gewesen ist, sprich ein nichts […]. Wenn die eintretende Determinierung unübertretbar ist (das heißt, dass sie das Eintreten von keiner anderen Determinierung erlaubt), beginnt sie notwendigerweise mit dem Hintergrund der Gesamtheit von dem erscheinenden verbunden zu sein. Aber eine Verbindung ist notwendig, gerade weil es nicht etwas Beginnendes ist. Es ist unmöglich, dass eine Verbindung nur unter „bestimmten Umständen“ notwendig sei oder „innerhalb eines bestimmten Bereichs“ – und daher – „von einem bestimmten Moment an“. Jede Begrenzung einer notwendigen Verbindung ist eine Negation der Notwendigkeit.

Severino, La Gloria, Adelphi, Milano 1980, p. 96

Es ist daher notwendig, dass jeder Eintretende übertreten wird – und diese Übertretung ist die Glorie der Erde: Die Öffnung zur Unendlichkeit des ursprünglichen Kreises gegenüber dem Eintreten von immer neuen Spektakeln.

Die Vielfalt der Kreise des Schicksals

Auch das Erscheinen des Eintretenden tritt innerhalb der Aktualität des ursprünglichen Kreises des Erscheinens ein. Nun, angesichts des Theorems der Gloria – und daher der Unmöglichkeit, dass das Eintretende unübertretbar ist – ist es notwendig, dass auch die Zugehörigkeit des Erscheinens der Eintretenden in die Aktualität des ursprünglichen Kreises übertreten wird:

Die Notwendigkeit, dass alles jenes, was Eintritt auch übertreten wird impliziert daher, dass auch die Aktualität der eintretenden Konfigurationen der Erde offen ist gegenüber dem notwendigen Eintreten, im transzendentalen Erscheinen von etwas was notwendigerweise erscheint […] gemäß einer anderen Aktualität gegenüber derjenigen, die dem endlichen Kreis des aktuellen Erscheinens zusteht […]. Diese andere und übertretende Aktualität tritt daher in einen anderen, endlichen Kreis des Erscheinens des Schicksals ein und tritt daher […] auch in ein anderes transzendentales Erscheinen ein.

Severino, La Gloria, Adelphi, Milano 1980, pp. 171-172

Jenes Übertreten ist das Eintreten des Erscheinens der Seienden in einen Kreis des Erscheinens welcher anders ist als jener ursprüngliche. Und da nicht einmal die eintretende Aktualität in diesem Kreise, der anders als der ursprüngliche ist, unübertretbar sein kann, gibt es einen zusätzlichen Kreis, und noch einen weiteren und so fort…, und dies impliziert, dass die Erde weitergereicht wird in etwas, was Severino die „unendliche Konstellation der endlichen Kreise des Erscheinens“ nennt.

Der Untergang der Isolation der Erde

Die Erde – die, die nach und nach eintritt – ist ein Beginnender, daher ist auch die Isolation der Erde der Wahrheit des Seins ein Beginnender; Nun, angesichts des Theorems der Gloria, ist auch die Isolation der Erde – und daher von allem was mit dem „Willen“ verbunden ist im Sinne eines Prinzips, welches die Dinge anders werden will – dazu bestimmt, übertreten zu werden; und es ist notwendig, dass die konkrete Gesamtheit der isolierten Erde als etwas ganzheitlich vollendetes erscheint:

Wenn tatsächlich diese Konkretheit des Inhalts der Isolation nicht übertreten würde, und daher nicht in seinem erscheinen und übertreten sein andauerte, wäre sie von Anfang an ein Ort, auf den die Erde stößt, aber den sie nicht übertreten kann.

Severino, La Gloria, Adelphi, Milano 1980, p. 125

Solange die Isolation der Erde konkret übertreten wird, ist es notwendig, 1) dass, an einem bestimmten Moment der Entfaltung der Erde, in jedem der unendlichen, endlichen Kreise des Erscheinens, die isolierten Erden der anderen Kreise in einem einzigen Ereignis erscheinen, in der Gesamtheit ihrer Determinierungen, wie Erden der anderen Kreise; 2) dass jene Erden so in ihrem selben Akt erscheinen, in welchem die Isolation übertreten ist, da sie, um als Erden der anderen Kreise zu erscheinen, notwendigerweise, vor dem persyntaktischen Hintergrund von jeder (und daher die Gesamtheit der von der ursprünglichen Struktur implizierten persyntaktischen Determinationen, die identisch für jeden Kreis ist) als nicht isoliert von den anderen erscheint sowie es unmöglich ist, dass die Erde in einem Kreis erscheint, wo sie noch immer vom Schicksal isoliert ist. Severino nennt das Erscheinen „Karfreitag der Einsamkeit“, in jedem der endlichen Kreise des Erscheinens der Gesamtheit der isolierten Erden, die in jeder von ihnen erscheinen; und nennt „Ostern“ die Befreiung von der Einsamkeit der Erde, das Erscheinen der Eigenschaft der Erde – die „Erde, die rettet“ – dessen Abwesenheit dazu führt, dass die Isolation einbricht. Aus dem vorausgehenden folgt, dass der „Karfreitag“ nur an „Ostern“ erscheinen kann, das heißt an dem Ereignis, das ihn überschreitet:

Im Blick des Schicksals der Wahrheit erscheint […] die Notwendigkeit, dass der „Karfreitag“ der Einsamkeit der Erden der Kreise niemals dem eigenen Untergang vorausgeht sondern mit ihm zusammen erscheint; und daher, dass daher das tremendum nicht sich selbst und seinem Horror überlassen ist, sondern im Akt seiner Überschreitung durch „Ostern“, der Freiheit des Schicksals selbst erscheint […], das heißt im Akt selbst, in dem in der Konstellation der Kreise der Ort der Erde, die das Fundament der Freiheit des Schicksals ist, erschient […]. Es ist daher notwendig, dass, in diesem einzelnen Ereignis alle die unendlichen, isolierten Erden, die sich in einem Kreis treffen in ihrem Überschreiten sein erschienen und nicht bloß in diesem Kreis, sondern auch in jedem der anderen Kreise, das heißt in jedem einzelnen Kreise, denen sie ursprünglich angehören […]. Ein einziges Ereignis umfasst daher – wenn die entsprechende Zeit entlang der Entfaltung der Gloria erreicht ist –  das Übertreten, in jedem Kreise, der Gesamtheit der isolierten Erden und der Untergang, in diesem Kreis, der Isolation der Erde und im einzigen Ereignis, welches zu dem Zeitpunkt sowohl das Ereignis als auch seinen Untergang innerhalb jeder der unendlichen anderen Kreise umfasst und ihrer jeweiligen isolierten, eintretenden Erden.

Severino, La Gloria, Adelphi, Milano 1980, pp. 543-549

Das progressive Enthüllen des Seins führt daher zur “Errettung” der Wahrheit, das heißt zur Befreiung der Wahrheit vom Kontrast mit der Isolation der Erde. Um zusätzlich Licht auf das zu werfen, was mit dem Untergang der Isolation zu Erscheinen bestimmt ist, entlehnt Severino das Wort „Spur“:  Da jeder Seiende in notwendiger Beziehung zu jedem anderen Seienden ist, ist sie in jedem Seienden präsent, sowie negiert in jedem der ein anderer als ein Seiender ist; die „Spur“ ist gerade diese Präsenz. Gegeben, dass die Gloria das Einhergehen in Indefinitum der Ewigen über jede eintretende Konfiguration hinaus ist, dass die Gioia die unendliche Konkretheit von Ganzen ist, und dass Notwendigkeit besteht, dass die Isolierung konkret übertreten wird, impliziert dies, dass die Spuren, die die isolierte Erde auf dem Ganzen hinterlässt, und jene die das Ganze auf der isolierten Erde hinterlässt, dechiffriert werden. Daraus ergibt sich, dass wir alle zur Gloria der Gioia [zur Herrlichkeit der Freude] bestimmt sind, das heißt zum einherschreiten vom Ganzen, nicht im Sinne der unendlichen Gesamtheit der Seienden im absoluten Sinne die erscheinen kann – was unmöglich wäre, weil sie implizierte, dass das Endliche mit dem Unendlichen identisch wäre – sondern im Sinne dass die Gloria vom Ganzen dazu bestimmt ist, einzutreten, da sie in Beziehung mit der isolierten Erde und alle weiteren unendlichen eintretenden Konfigurationen steht:

Ein unendliches Licht ist dazu bestimmt, einzutreten, auf das weitere unendliche Lichter folgen, ein jedes enthält die vorangegangenen Lichter. Wenn es in der Sprache, die das Schicksal bezeugt, einen Ort gibt, für das der Ausdruck Gloria der Gioia [Herrlichkeit der Freude] gebührt, so ist es dieser. Die Gloria der Erde […] ist die unendliche Übertretung der isolierten Erde und jeder Konfiguration derselben Erde, die errettet […]. Die Gloria der Gioia [Herrlichkeit der Freude] und die unendliche Entfaltung […] der immer höheren Hochebenen der Erde, die errettet, wobei mit jeder das Erscheinen von immer konkreteren und weiteren formen der Gioia des Ganzen eintritt.

Severino, Oltrepassare, Adelphi, Milano 2007, pp. 560-561

Die Gloria der Erde, sowie die Aussage des Eintretens der Gloria der Gioia [der Herrlichkeit der Freude], sind notwendige Implikationen des unbestreitbaren sich-selbst-sein des Seienden, das heißt jene Grundlage, die die ursprüngliche Struktur dargelegt hat.

Der Tod und das Bevorstehen der Gioia

In diesem Kontext kann der Tod nicht die unmögliche Annullierung des Seienden sein, sondern die Erfüllung des Willens, der sowohl die Erfüllung des Kontrastes der Wahrheit des Seins als auch die der isolierten Erde ist:

Genau deshalb ist der Tod […] das extreme Bevorstehen der Erde, die errettet. In ihrem Bevorstehen […] vergeht die Zeit nicht, weil nichts eintritt (nichts Ewiges). Der erste Eintretende ist daher das extreme Leuchten der Erde, die errettet.

Severino, La morte e la terra, Adelphi, Milano 2011, p. 412

Der Moment, zu dem der Tod leitet, ist jener in dem die letzte Phase des Willens erscheint, der durch den Tod, in dem Kreis des Schicksals, in dem sie stirbt, seine Erfüllung findet. Diesem Moment entspricht, in den anderen Kreisen des Schicksals, die Entfaltung der isolierten Erde bis zu ihrem Untergang und das heißt bis es, in einem bestimmten Moment dieser Entfaltung, in jedem der unendlichen, endlichen Kreise des Schicksals der Glanz von „Ostern“ eintritt, die immer weiteren und konkreteren Formen der Gioia des Ganzen, gegenüber dem das tremendum des „Karfreitags“ nur ein bloßer Punkt ist.

  1. Severino und seine Kritiker

Die wichtigsten Gesprächspartner Severinos haben sich mit ihm kritisch sowohl auf phänomenologischem als auf logisch-ontologischem Gebiet der Semantisierung des Seins auseinandergesetzt. Denkwürdig war dabei die titanische Auseinandersetzung mit Gustavo Bontadini. Zwischen den anderen Kritikern erinnern wir auf der thomistischen Seite: Cornelio Fabro und Gianfranco Basti; auf der aristotelischen und aristotelisch-thomistischen: Enrico Berti und Carmelo Vigna; auf der thomistisch-neoklassizistischen, in dem Versuch die Perspektive Parmenides mit jener aristotelisch-thomistischen zu vereinen: Leonardo Messinese und Giuseppe Barzaghi; auf der neoparmenidischen: Gennaro Sasso, Mauro Visentin und Luigi Vero Tarca. Severino ist unter anderem mit Ines Testoni, Massimo Donà, Umberto Galimberti, Salvatore Natoli, Vincenzo Vitiello, Biagio de Giovanni, Massimo Cacciari, Gianni Vattimo, den Theologen Piero Coda, Pierangelo Sequeri, Angelo Scola, Raimon Panikkar, der Physiker Roger Penrose und dem Juristen Natalino Irti im Dialog.